Therese: Schnitzler im Spiegel der Zeit

Vor 90 Jahren (1928) erschien Arthur Schnitzlers umfangreiches Gesellschaftsbild Therese. Chronik eines Frauenlebens. Im heute oft üppig anmutenden Fin-de-Siècle, in dem das kaiserliche Österreich noch Imposantes aus dem Boden stampfte, steht eine gewisse Therese Fabiani, die sich der patriarchalen Mühle ihres Umfeldes entziehen und auf ihren eigenen Beinen verwirklichen möchte. Doch abseits gesellschaftlicher Normen, reißt es sie in einen tragischen Strudel des Abstiegs. Nun, fast ein Centennium danach, nehmen sich Schauspielerin Rita Hatzmann und Musiker Georg O. Luksch dieses Schicksals an und setzen es in Szene. Eine originelle Uraufführung des Ensemble 21 im Spiegel der Zeit.

TheresePressefoto


Die Begegnung mit dem Text

Rita Hatzmann: „Schon in meiner Schauspielstudienzeit war Schnitzler natürlich Thema. Wir haben zum Beispiel aus dem Reigen Szenen einstudiert. Seither wollte ich mich näher mit diesem einzigartigen österreichischen Autor beschäftigen. Wie kein anderer beschreibt er die Beobachtungen und die inneren Vorgänge der Hauptfiguren seiner Texte. Diese psychologischen Fallstudien haben mich immer schon fasziniert. Vor mehr als 10 Jahren habe ich den Roman Therese zum ersten Mal gelesen und war sofort gefesselt. Seither habe ich immer wieder darüber nachgedacht, wie es möglich wäre, diesen Text auf die Bühne zu bringen.“

Die Idee zur Inszenierung und ihre Hauptessenz

Rita Hatzmann: „Es geht darum zu zeigen, was in einer Frau vorgeht, die ein selbständiges Leben führen will, aber leider keinen richtigen Beruf erlernt hat. Sie ist zwar gebildet, jedoch hat sie nicht die selben Möglichkeiten wie zum Beispiel ihr Bruder, der studieren darf. Sie möchte aber auch nicht den Weg einer Vernunftehe gehen, was damals ja durchaus als normal gegolten hätte. Trotzdem hat sie natürlich auch Leidenschaften, Liebschaften und möchte Gefühle erleben können. Im Laufe des Stücks wird sie zu einer Alleinerzieherin, was ja auch heute noch eine große Herausforderung darstellt.“

Die Umsetzung

Rita Hatzmann: „Das Schwierige war, aus einem Roman mit über 300 Seiten eine Bühnenfassung zu machen die in weniger als zwei Stunden erzählt werden kann. So habe ich versucht, die Essenz der Erzählung von Schnitzler in einen möglichst abwechslungsreichen und spannenden Abend zu verwandeln.“

Das Faszinierende an Schnitzlers Text- und Gedankenwelt

Rita Hatzmann: „Am schönsten finde ich persönlich die Stellen, wo Therese ganz in ihre Erlebniswelt hineingleitet – sich verliert in Stunden, die keinen vorbestimmten Inhalt haben. Das Schwebende, wo mehr mitschwingt als Worte sagen können, fasziniert mich.“

Die Protagonistin Therese

Rita Hatzmann: „Therese ist eine sehr modern denkende Frau. Sie geht ihren Weg, auch wenn ihr Leben sich nicht immer einfach gestaltet. So steht sie auch für die heutige Zeit, wo viele junge Eltern, die im Arbeitsleben stehen, sich schwer tun, für ihr Kind genug Zeit zu finden.“

Warum es an der Zeit für dieses Stück ist

Rita Hatzmann: „Oft höre ich Sätze wie: das ist doch heute kein Problem mehr. Oder: Emanzipation, Gleichberechtigung, das sei schon alles erledigt. Ich denke, da ist immer noch viel zu tun und es hilft zu vergleichen, um die Situationen im eigenen Leben einzuschätzen. Wenn wir sehen können, wo wir vor hundert Jahren standen, werden manche Aufgabenstellungen, die wir in der jetzigen Zeit haben, deutlich erkennbar.“

Die Sprache der Inszenierung

Rita Hatzmann: „Ich habe versucht, möglichst viel vom original Schnitzler-Text zu erhalten. An einigen Stellen musste ich Sätze anpassen. Da habe ich mich bemüht, seiner Sprachgestaltung nahe zu kommen.“

Wie die Musik für die Inszenierung ins Spiel kommt

Georg O. Luksch: „Der Plan war, Musik zu schaffen, die die emotionale Ebene des Textes nicht überdeckt und trotzdem eine starke Präsenz hat. Im Kontext der Wechsel von emotionalen Ebenen, werden rhythmische und harmonische Elemente und Obertöne eingesetzt. Der Stil der beginnenden klassichen Moderne (Varèse, Cage, Stockhausen) als auch Anlehnungen an die elektronische Klassik der 60er Jahre (Subotnick, Oliveros) wirkt hier. Dennoch ist ein Teil als Hommage an das musikalische Universum eines Nino Rota (Fellinis Hauptkomponist) zu erkennen – das Einfache, Scherzhafte trifft auf die Tragik.“

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