Kurier Kritik 23.11.15

Kurier-Kritik vom 23.11.2015 zur Aufführung „Der Sturz der Möwe“ im sovieso-Saal 

Varianten einer Fassaden-Ehe 

Foto: Alexander Bachmayer/Ensemble21.at_Montage:KiKu

Beie schauen aneinander vorbei - wohin eigentlich?

Anton Tschechows "Die Möwe" verdichtet auf zwei Personen - drei Mal hintereinander in drei verschiedenen V  23.11.2015, 19:02

Ein Keller – in einem Neubau im Sonnwendviertel. Die Bewohner_innen verwenden ihn vielfältig als Gemeinschaftsraum. Schon beim Abgang im Erdgeschoß haben sie ein kleine Bibliothek eingerichtet. An drei Tagen wird hier erstmals Theater gespielt. Von einer neuen Initiative. Aus Transport-Holzpaletten mit drüber genageltem Bodenbelag ist eine kleine vorübergehende Bühne entstanden. Ein halbrunder „Hinter“hang aus weißen Leintüchern, ein Zimmer mit einem halbvoll behängten Wäscheständer, einem massiven Kastl mit drei Laden, einem Regal mit ebenfalls drei Etagen, zwei weißen wuchtigen Stühlen, einem weißen Tisch darauf Zeitungen, Tschick und ein schmales hellblaues Büchlein mit einer großen die Flügel ausgebreiteten Möwe darauf: „Frei sein ist Gefühlssache“.

Fast zeitlosFoto: Alexander Bachmayer/Ensemble21.at

In diesem Ambiente spielt sich ein Drama mit komödiantischem Einschlag ab. Und das drei Mal. In Variationen. Inspiriert von Anton Tschechows Möwe (aus dem Jahre 1895) hat die bisher „nur“ als Romanautorin bekannte Margarita Kinstner („Mittelstadtrauschen“ sowie „Die Schmetterlingsfängerin“ im Deuticke-Verlag) die Szenerie der Leere und Fadesse der Gesellschaft auf einem Land-Gutshof im zaristischen Russland in ein kleines Haus am Rande eines kleinen Kaffs sozusagen in the middle of no-where in Österreich verpflanzt. Und das Personal des Stücks auf real zwei Personen verdichtet. Ein paar andere, insbesondere der Schriftsteller, der auch im Tschechow’schen Original Konstantin (Gavrilovič Treplev) heißt, oder auch der gemeinsame 12-jährige Sohn Roman kommen nur in den Gesprächen vor, bzw. letzterer durch sehr laute, heftige Musik von nebenan.

Ausbruch oder nicht?!Foto: Alexander Bachmayer/Ensemble21.at

Die Szenen der Ehe von Mascha und Simon ergeben sogar stark körperlich spürbar das Nebeneinanderher-Leben – ist es noch leben (?) – des Paares. Simon ist ein braver, biederer, stets aufs Geld schauender Hauptschullehrer. Mascha arbeitet als Teilzeit-Bibliothekarin. Vor allem aber ist  sie noch immer in Konstantin verliebt, einen Schriftsteller für den sie schwärmte, der nichts von ihr wissen wollte und sich mit einem Revolver – aus unglücklicher Liebe zu einer anderen - erschossen hatte. Vor 14 Jahren. Nun leistet sich das Kaff einen Stadtschreiber namens Cosimo den sich Mascha sozusagen zu einer Art Wiedergänger zurecht träumt. Obendrein verlässt ihre Mutter endgültig ihren Vater um zu dem schon jahrzehntelangen Liebhaber zu ziehen.

Kleinigkeiten verändern DynamikFoto: Alexander Bachmayer/Ensemble21.at

In jeweils einer halben Stunde steigert sich das fast Nichts zwischen den beiden zu einem ausgewachsenen Streit. Stets aber – mitunter anfangs nur durch Nuancen – verändert, die der gesamten Situation eine neue, andere Dynamik verpassen. Während Simon jedoch stets den Schein der offenbar schon seit ewig nicht einmal mehr vollzogenen Ehe, die Fassade der „heile-Welt“-Familie wahren will, ja irgendwie um diese unterschiedlich intensiv kämpft, wird Mascha von Version zu Version stärker, selbstbewusster, durchaus auch rücksichtsloser.

Nicht eindimensionalFoto: Alexander Bachmayer/Ensemble21.at

Rita Hatzmann und Erich Knoth verleihen den beiden Figuren so viele Zwischentöne, dass weder sie noch er nur gut oder böse sind, die Sympathien des Publikums auf sich vereinen. Verständnis genauso wie Unverständnis bis Ablehnung wechselt – oft im Minutentakt. Und trotz der Gesamt-Tristesse provoziert die eine oder andere Szene, der eine oder andere Dialog Schmunzeln bis herzhafte Lacher.

Und: Trotz der vielleicht überspitzt und teils skurrilen Grundkonstellation scheint so manche der Situationen vielen Zuschauer_innen (un)wohl vertraut.

Eine spannende Fortsetzung könnte sein, die ganze Szenerie aus der Sicht von Roman, dem 12-jährigen Sohn des Paares betrachten zu lassen ;)

Infos

Der Sturz der Möwe
Zwei-Personen-Stück in drei Variationen von Margarita Kinstner nach Anton Tschechow

Regie:     Michael Grimm
Mascha: Rita Hatzmann
Simon:    Erich Knoth

Musik:    Alexander Weiß

http://kurier.at/leben/kiku/der-sturz-der-moewe-varianten-einer-fassaden-ehe/165.761.930

© Ensemble21 2017